Im ersten Licht des Tages
- Abstrusia

- vor 5 Tagen
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Aktualisiert: vor 3 Tagen

Nichts ist vergleichbar mit dem Moment, in dem man bei Sonnenaufgang barfuss im Sand steht und zusieht, wie frisch geschlüpfte Meeresschildkröten ihre wichtigste Reise beginnen. Winzig, entschlossen und erstaunlich zielstrebig krabbeln sie dem Meer entgegen. Es ist ein stilles, ehrfurchtvolles Schauspiel – eines, das noch lange nachwirkt, selbst wenn die kleinen Körper längst von den Wellen hinausgetragen wurden.
Dieses frühe Aufbrechen ins Meer ist kein Zufall. Die kühle Morgenluft und das sanfte Licht schützen die Jungtiere vor Fressfeinden. Ihr Instinkt zieht sie zum hellen Horizont, der sich über dem Ozean abzeichnet. Jeder mühsame Zentimeter im Sand stärkt sie, trainiert ihre Muskeln – und erhöht ihre ohnehin winzigen Überlebenschancen. Denn das Meer ist gnadenlos: Nur eine von etwa tausend geschlüpften Schildkröten wird alt genug, um nach rund fünfzehn Jahren an genau jenen Strand zurückzukehren, an dem sie geboren wurde, um selbst Eier abzulegen.
Panama hat 2023 ein bemerkenswertes Gesetz verabschiedet, das Meeresschildkröten ein einklagbares Recht auf ein Leben in einer gesunden Umwelt zuspricht – frei von Verschmutzung, Wilderei, hemmungsloser Küstenbebauung und den Folgen des Klimawandels. Damit werden die Tiere rechtlich als eigenständige Subjekte anerkannt. Bürgerinnen und Bürger können nun stellvertretend für sie gegen Umweltzerstörung vorgehen. Auf dem Papier ist das ein Meilenstein. In der Realität aber ist die Umsetzung schwierig, teuer und oft mühsam. Umso wichtiger sind die Menschen, die nicht auf Gesetze warten, sondern handeln.
In Punta Chame treffe ich Mitarbeitende der Fundación Tortuguías, die genau das tun. Sie erklären, wie freiwillige Helfer die frisch gelegten Eier ausgraben, um sie vor Wilderern und Umweltgefahren zu schützen. Anschliessend werden sie in eigens vorbereiteten, umzäunten Sandnestern wieder vergraben. Täglich werden Feuchtigkeit und Sandtemperatur kontrolliert und angepasst – nicht aus Spielerei, sondern mit einem klaren Ziel: Nach rund zwei Monaten sollen möglichst mehr weibliche als männliche Tiere schlüpfen, um die Population langfristig zu stabilisieren.
Finanziert wird diese aufwendige Arbeit fast ausschliesslich durch Spenden von Besucherinnen und Besuchern. Menschen wie ich, die dieses Erlebnis nicht als touristische Attraktion, sondern als Privileg empfinden. Als Erinnerung daran, wie verletzlich und zugleich widerstandsfähig das Leben ist.
Als die Sonne höher steigt und der Strand wieder leer wird, bleibt ein Wunsch zurück: Gute Reise, ihr kleinen Meeresschildkröten. Möge euch das Meer wohlgesonnen sein. Und mögt ihr in fünfzehn Jahren hierher zurückkehren – an diesen Strand, an dem alles begann. Ich hoffe, ich werde dann wieder hier stehen, barfuss im Sand, bereit, euch erneut willkommen zu heissen.








In 15 Jahren wieder dort zu stehen… und die kleinen-/grossen Willkommen zu heissen 😃☀️ so ein schöner Gedanke.
Wunderschöner Beitrag 🥲