Freude, Frust und Fischskelett
- Abstrusia

- 16. März 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 15 Stunden

Die Sonne scheint, eine leichte Brise bewegt die Palmen – und während ich diese tropische Szenerie geniesse, kämpfe ich seit fast einem Jahr mit einer ganz anderen Herausforderung: der spanischen Sprache.
Eine neue Sprache zu lernen ist schon in jungen Jahren anspruchsvoll. Im Alter braucht es noch etwas mehr Geduld. Neue Verknüpfungen entstehen langsamer, Gelerntes sitzt nicht immer auf Anhieb, und manchmal fühlt sich ein einziges neues Wort wie ein kleiner Sieg an. Dass Sprachenlernen das Gehirn fordert und geistig fit hält, ist für mich zusätzlicher Ansporn. Jeder gelungene Dialog ist deshalb nicht nur ein sprachlicher Fortschritt, sondern auch ein kleines Erfolgserlebnis im Kampf gegen das eigene Vergessen.
Das Spanisch, das hier in Panama gesprochen wird, macht es mir allerdings nicht gerade leicht. Die Menschen sprechen schnell, verschlucken halbe Silben und lassen mich regelmässig rätseln, was sie eigentlich gesagt haben. Dazu kommen sprachliche Eigenheiten, an die ich mich erst gewöhnen musste. Eine klassische Form für das deutsche «ihr» gibt es hier im Alltag nicht; stattdessen wird die dritte Person Plural verwendet. Und dann sind da noch die unzähligen Verniedlichungen auf -ito und -ita, die aus einem ohnehin schon unbekannten Wort plötzlich etwas machen, das ich kaum wiedererkenne. Nicht selten kommt dabei auch Google Translate an seine Grenzen.
Spanisch zu lernen bedeutet für mich deshalb weit mehr, als Vokabeln und Grammatik zu pauken. Sprache ist der Schlüssel zu den Menschen und zur Kultur. Im Supermarkt, im Restaurant, beim Taxifahren oder am Strand ergeben sich ständig kleine Begegnungen. Manche dauern nur wenige Minuten, andere werden zu echten Gesprächen. Selbst wenn ich dabei nicht immer alles verstehe, merke ich, wie sehr die Sprache meine Verbindung zu Panama verändert.
Und natürlich gehören auch die Missverständnisse dazu.
Eines davon werde ich so schnell nicht vergessen. Ich sass mit Freunden in einem Restaurant und hatte gerade einen ganzen Fisch verspeist. Der Kellner fragte etwas, das ich als «Soll ich das abräumen?» verstand. Ich antwortete selbstverständlich mit «Sí, claro». Wenige Minuten später kam er mit einer Kartonschachtel zurück – darin lagen Kopf, Schwanz und das sorgfältig aufgereihte Fischskelett. Er hatte mich offenbar gefragt, ob ich die Reste mitnehmen wolle.
Solche Missverständnisse passieren mir nicht zum ersten Mal. Inzwischen sehe ich sie gelassener. Wer eine Sprache wirklich lernen will, muss eben auch bereit sein, sich gelegentlich zum Narren zu machen.
Ein fester Termin in meinem Kalender ist deshalb mein wöchentlicher Spanischunterricht bei Loriene. Sie ist meine Sprachlehrerin, kulturelle Übersetzerin und längst auch eine liebgewonnene Freundin geworden. Unsere Gespräche drehen sich längst nicht mehr nur um Grammatik. Sie erzählt mir von panamaischen Traditionen und dem Alltag hier, während sie geduldig meine holprigen Sätze korrigiert und sich tapfer durch meine Aussprache arbeitet.
Zusätzlich helfen mir digitale Werkzeuge. Mit KI-Programmen kann ich Alltagssituationen üben, Vokabeln festigen oder ein Gespräch vorbereiten. Vor meinem letzten Zahnarzttermin habe ich beispielsweise das entsprechende Gespräch vorab simuliert. Solche Übungen geben mir Sicherheit – auch wenn die Realität natürlich immer noch Überraschungen bereithält.
Mein ursprüngliches Ziel war ehrgeizig: Nach einem Jahr wollte ich fliessend Spanisch sprechen. Dieses Ziel habe ich nicht erreicht. Dafür habe ich etwas anderes gelernt: Sprachenlernen lässt sich nicht erzwingen. Es braucht Zeit, Wiederholung und vor allem die Bereitschaft, Fehler auszuhalten.
Und so freue ich mich inzwischen über die kleinen Fortschritte: ein Gespräch, das plötzlich funktioniert, ein Satz, den ich ohne Nachdenken bilde, oder ein Wort, das zum ersten Mal im richtigen Moment aus meinem Mund kommt. Perfekt ist mein Spanisch noch lange nicht. Aber ich komme voran. Und manchmal führt genau dieser Weg über ein Fischskelett.



Ich lausche Deinen Worten - wundervoll - bei jedem weiteren Satz den ich lese, fühlt es sich an, als würden wir einen gemeinsamen Strandspaziergang unternehmen - Barfuss...Danke für die Insights, es inspiriert mich jeden Tag aufs Neue - es Dir gleich zu tun...